Montag, 14. April 2014

Mein K(r)ampf (Inspektion Cagiva Gran Canyon)

So langsam wurde es Zeit die Gran Canyon für die anstehende Saison fit zu machen. Da in diesem Jahr endlich mal wieder ein Motorradurlaub geplant ist, habe ich mir vorgenommen die Granny gründlich durchzuchecken und technisch in einen Top-Zustand zu bringen.
Zunächst mal sprang die Granny nach der Winterpause auf Schlag an. Also ab in die Werkstatt , Öl abgelassen und Filter gewechselt. Am Magneten der Ölablassschraube fand sich nur minimaler Abrieb und das Ölsieb war auch sauber.
Da sich während der letzten Touren 2013 die Kupplung immer unangenehmer bemerkbar gemacht hatte (rupfen und kreischen beim Anfahren), entfernte ich den Kupplungsdeckel. Beim Ausbau des Kupplungssatzes merkte ich dann, dass die Kupplung leicht ölverschmiert war. Öl gehört allerdings so überhaupt nicht in eine Trockenkupplung!
Auch wies der Kupplungskorb ein deutlich spürbares Radialspiel auf (ca. 2mm). Und nein, Radialspiel sollte der Kupplungskorb nicht haben!
Auf meine Frage im Duc-Forum nach der möglichen Ursache für das Radialspiel war ich dann erst mal bedient. Lt. Den Antworten im Forum sei offenbar dass Stützlager der Getriebeeingangswelle defekt, was eine komplette Motordemontage erforderlich machen würde.
Zum Glück bekam ich dann im Cagivaforum noch den Hinweis, dass es auch die Lager des Primärantriebs für das Radialspiel verantwortlich sein könnten. Also Kupplung komplett raus und rechten Motordeckel runter. Schon blöd, dass ich zwischenzeitlich schon frisches Öl im Motor hatte!

Die Zentralmutter der Kupplung sowie die Schrauben des Kupplungskorbs entfernt man idealerweise per Schlagschrauber. Dann muss noch nicht einmal der Kupplungskorb gesichert werden.

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Bei der Demontage des Auspuffkrümmers und des Motordeckels durfte ich dann mal wieder über die Arbeiten meiner Vorbesitzer fluchen. Die verwendeten Aluschrauben waren ohne Trennmittel in den Motorblock eingeschraubt. Dementsprechend waren alle Schrauben festgegammelt, so dass mir trotz großer Vorsicht 3 Schrauben des Motordeckels und 1 Krümmerschraube abrissen. Die abgerissenen Motordeckelschrauben konnte ich Dank eines Linksdrehers problemlos herausdrehen.

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Die abgerissene Krümmerschraube saß allerdings wie verschweißt im Gewinde. Aus Angst vor einem abgerissenen Linksausdreher habe ich es dann gelassen (Gasbrenner und Caramba zeigten keine Wirkung).
Zunächst habe ich mit einem 6 mm Bohrer die M8 Aluschraube mittig durchgebohrt. Mit viel Geschick und Zeit konnte ich anschließend mit einem M8 Gewindeschneider die Reste der Aluschraube aus dem Gewinde herausschneiden.

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Die Lager des Primärantriebs wurden durch einen neuen Satz 6005 und 16005 Lager von FAG ersetzt. Beim Ausschlagen der Lager muss drauf geachtet werden, dass zwischen den beiden Lagern ein Segering sitzt! Im gleichen Zuge tauschte ich noch das Stützlager der Kupplungsdruckplatte. Das Einsetzten der Lager ist ein Kinderspiel, wenn das Primärantriebsrad und die Kupplungsdruckplatte im Backofen auf ca. 200 Grad erhitzt werden. Die Lager zuvor für einige Stunden in die Gefriertruhe legen. Dann fallen die Lager einfach so in die Sitze hinein.

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Die deutlich sichtbaren Rattermarken im Kupplungskorb habe ich mit einer Feile geglättet. Anschließend wurde der komplette Kupplungsteil mit neuen Simmeringen, Dichtungen und O-Ringen wieder zusammen gebaut. Die Kupplungsscheiben wurden natürlich vor dem Einbau gründlich mit Bremsenreiniger vom Öl gereinigt.
Und Voila, der Kupplungskorb hat kein radiales Spiel mehr.

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Als nächste Aktion stand die Einstellung der Ventile an. Dazu muss zunächst mal die Granny fast zerlegt werden. Allein dafür kann man schon mal einen halben Samstag einplanen. Natürlich wollte eine der alten CPC-Schnellverschlüsse des Tanks partout nicht auseinander. Als sich der letzte Schnellverschluss schließlich dank schierer Gewalt schlussendlich löste, blieb er natürlich offen und das Benzin ergoss sich auf den Werkstattboden. Ich schraube ja schon seit einigen Jahren an Motorrädern und Autos herum, aber ein solch schrauberunfreundliches Motorrad hab ich bisher noch nicht gesehen. Aber ich hab es ja nicht Anders gewollt.

Lt. Werkstatthandbuch muss das Federbein zum Ventile einstellen am stehenden Zylinder raus. Ich habe es aber auch mit eingebautem Federbein hinbekommen. Der komplette Luftfilterkasten/Motorentlüftung muss natürlich raus. Man hat aber trotzdem extrem wenig Platz, da der Rahmen der Granny recht schmal baut. Hier die Ventile einzustellen ist so ziemlich die schlimmste Arbeit die ich bisher gemacht habe. Wer so etwas in der offiziellen Werkstatt machen lässt darf sich anschließend nicht über eine fürstliche Rechnung wundern.

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Bei den Ventilen ergab sich das gleiche Bild wie ich es auch von meinen Ducati’s gewohnt bin. Am liegenden Zylinder abgesehen von einem gebrochenen Halbring soweit Alles in Ordnung. Am stehenden Zylinder waren sowohl Ein- und Auslass verstellt und zwar heftig! Ich gehe davon aus, dass am stehenden Zylinder das Ventilspiel schon Ewig nicht mehr eingestellt wurde. Kein Wunder bei dem Aufwand!
Das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen aus dem Cagivaforum. Auch dort scheuen Einige den Aufwand und verfahren frei nach dem Moto: Passt schon!

Mein Gott, wie oft habe ich die Granny an diesen Abenden verflucht. Aber da musste ich jetzt durch. Nach endlosem Schrauben, und Dank der aufmunternden Worte meiner Werkstattkollegen und der ein oder anderen helfenden Hand habe ich es schließlich geschafft. Die Ventile waren eingestellt!

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Es gab dann noch einen neuen Benzinfilter (Der Alte war Herstellungsdatum 2004!), natürlich einen Satz neuer Zahnriemen, neue Zündkerzen und natürlich auch wieder frisches Öl. Der Luftfilter war schon gegen einen K&N-Dauerfilter getauscht und wurde daher nur gereinigt. Da der Kupplungsnehmerzylinder bereits einmal durch den Vorbesitzer instand gesetzt worden war, was meiner Erfahrung nach eh keine dauerhafte Lösung ist, wurde der Kupplungsnehmerzylinder gegen gefrästes ein Exemplar von Stein-Dinse ersetzt. Diesen Nehmerzylinder habe ich bereits bei diversen Ducati’s in meinem Bekanntenkreis verbaut. Kostet 99€ und steht meiner Erfahrung nach den deutlich teureren Exemplaren von z.B. MPL in nichts nach. Neben der schöneren Optik reduziert sich auch der Kraftaufwand für die Betätigung der Kupplung spürbar.

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Natürlich wurden auch gleich alle Bremsflüssigkeiten getauscht. Dabei stellte ich fest, dass die Gummikappe des Kupplungsbehälters definitiv zu groß für den Behälter war. Irgendwie hatte einer der Vorbesitzer die zu große Gummikappe mit roher Gewalt in den Behälter reinbekommen. Mann oh Mann…

Da eh fast Alles auseinander war, wurden sämtliche Steckverbindungen der Elektrik mit WD40 behandelt.
Für den Tank besorgte ich mir bei 1st-Attack die passenden CPC-Schnellkupplungen in Metallausführung. Zusammen mit Dichtungsmasse und Kleinteilen mal eben 140€. Beim Ausdrehen der alten Kunststoffkupplungen riss natürlich eine der alten Kupplungen sauber am Gewinde ab! Zum Glück bekam ich den Gewindeteil mit einem Linksausdreher aus der Buchse im Tank herausgedreht.

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Die neuen CPC-Kupplungen wurden dann mit Dichtungsmasse vorsichtig in die NPT-Gewinde eingedreht, die entsprechenden Gegenstücke an den Benzinschläuchen verbaut und wieder war eine Baustelle abgearbeitet.

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Nachdem der Tank wieder aufgesetzt war und die neuen CPC-Kupplungen auch dicht waren, kam der große Moment. Die Granny sprang auf Schlag an! Nachdem der Motor warm gelaufen war (>60°C Öltemperatur) ging es dann an das synchronisieren der Drosselklappen. Auch hier wieder das gleiche Bild. Die Drosselklappen waren Alles andere als synchron, was sich auch in einem sehr holperigen Leerlauf niederschlug. Nachdem die Messuhren endlich synchron liefen war auch der Leerlauf der Granny 1a!

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Fazit:
Boah, die Inspektion der Cagiva Gran Canyon hat mich Nerven gekostet! Zum Einen, weil die Konstrukteure ganz offensichtlich nicht darüber nachgedacht haben, dass die Maschine auch mal gewartet werden muss, zum Anderen, weil speziell bei meinem Exemplar offensichtlich die Pflege stark vernachlässigt wurde.
Aber nun ist meine Granny technisch wieder 1a und dich hoffe, dass sich meine Arbeit mit einer stressfreien Saison auch auszahlt!